Bürosoftware für Architekturbüros: was lief schief?

Jedem, der sich über den Markt von Bürosoftware für Architekten informieren wollte, ist aufgefallen: es ist unübersichtlich. Und was mich erstaunt, ist, dass trotz dieser Auswahl viele Büros häufig richtig frustriert sind.

Jedem, der sich über den Markt von Bürosoftware für Architekten informieren wollte, ist aufgefallen: es ist unübersichtlich. Grund dafür sind die Fülle von Angeboten ohne objektive, redaktionelle Bewertung wie beispielsweise bei Stiftung Warentest.

Ein ehemaliger Vertriebsleiter hatte mir neulich folgendes erklärt:

“Es gibt eine Drei-Klassen-Gesellschaft: für die Büros ab 200 Mitarbeiter kommt eigentlich nur Abacus oder Wiko in Frage, für die Büros ab 10 Mitarbeiter sind Kobold Control, ProjektPro und UntermStrich relevant. Und für die Büros unter 10 Mitarbeitern kommen noch VVW Control oder Cycot hinzu.”

Was mich erstaunt, ist, dass trotz dieser Auswahl viele Büros häufig richtig frustriert sind. In einem Forum liest man beispielsweise:

“Wir schließen uns der negativen Beurteilungen und auch gerne der Sammelklage an. Das Programm sieht nur gut aus, ist aber sehr benutzerunfreundlich und nicht selbsterklärend. Der Profi bekommt damit sicherlich alles hin, der Anwender eher nichts. Wir haben sehr viel Zeit investiert. Der schlecht erreichbare Support war sehr unbefriedigend. Nachdem alle Nutzer dies wollten schlossen wir das aufregende Stundengrab …. Schade um das Geld und die Zeit. Man hätte sich vorher schlau machen sollen.”

Als ursprünglich außerhalb der Branche stehender Softwareentwickler möchte ich versuchen, das Phänomen zu erklären.

Grund 1: Software von Architekten für Architekten

Die meisten Anbieter sind in den 1990er entstanden, als einige Architekten für ihre Büros selber Software geschrieben haben und daraus später eine Softwarefirma gegründet haben.

Noch heute werben diese Anbieter damit, Software von Architekten für Architekten zu produzieren. Als Kunde fühlt man sich dadurch erstmal gut aufgehoben, aber die Sache hat einen Haken: Softwareentwicklung ist hoch komplex. Die Herausforderung ist es, die richtige Technologie zu wählen und die ständige Weiterentwicklung zu ermöglichen.

Grund 2: Architektur-Branche war lange schwierig

Bis vor ein paar Jahren war die Architektur-Branche sehr schwierig. Honorare und Gehälter waren gering und somit blieb wenig Budget für Bürosoftware. Die Anbieter mussten den Spagat vollziehen zwischen der Abbildung der komplexen Bedürfnissen und geringer Zahlungsbereitschaft.

Der gesamte Markt von Bürosoftware für Planungsbüros beläuft sich auf nur ca. 10 Mio. € (diese Zahl erhält man durch großzügige Addieren der Umsätze der Anbieter).

Ganz anders verlief es in anderen Branchen: Ich persönlich hatte als SAP-Berater für Banken und Versicherungen 8 Jahre in der Beratungsfirma msg systems ag gearbeitet. Sie konnte allein in dieser Zeit von 2006 bis 2012 ihren Umsatz von 250 Mio. € auf über 500 Mio. € verdoppeln.

Mittlerweile hat sich Architektur-Branche wesentlich verbessert, aber dennoch gibt es im Markt für Büro-Software kaum Bewegung, was uns zum nächsten Grund bringt.

Grund 3: Einstiegsbarrieren für Startups

Startups oder Neugründungen für Architekten-Bürosoftware gibt es gar nicht. Der einzig neue, mir bekannte Anbieter (außer projo) ist Poolarserver. Aber auch dieser ist mittlerweile 12 Jahre alt und kommt aus den Architektur- und Ingenieurwissenschaften.

Vermutlich erscheint der Markt unattraktiv wegen geringer Margen und hoher Komplexität.

Anders verhält sich der Bau-Bereich, wo Startups die massenhafte Verbreitung von Smartphones für neue mobile Baustellen-Dokumentation (datengut) oder Mängel-Management (capmo) verwenden.

Auch international boomt der Software-Markt im Bau-Bereich. Das Startup katerra hat unglaubliche 1,2 Millarden $ Investment erhalten, das Startup procore immerhin noch 340 Millionen $.

Grund 4: Erwartungshaltung

In den 2000er Jahren setzte sich Bürosoftware allgemein durch, da sie ein Fortschritt zur Zettelwirtschaft darstellte, obwohl sie noch viele Mängel aufwies.

Während sich die private Software wie auf dem Smartphone bezüglich Benutzerfreundlichkeit deutlich weiterentwickelt hat, hinken statische Lösungen von Bürosoftware häufig hinterher.

Grund 5: Zukunft Cloud

Cloud-Software birgt Vorteile für Büros: Man muss sich nicht mehr um einen eigenen Server, um Updates, Sicherheitskopien oder Abwehr vor Schadsoftware kümmern. Diesen permanenten Service lässt sich der Cloud-Anbieter typischerweise in Monats- oder Jahreslizenzen bezahlen.

An dieser Stelle findet ein Paradigmen-Wechsel statt: das Produkt wird nicht mehr für den Vertrieb, sondern für den laufenden Betrieb optimiert.

Dass eine CD und eine Schulung verkauft wird, und danach sich erstmal nicht mehr gemeldet wird, führt häufig dazu, dass ein Architekturbüro die Software nur noch für Arbeitzeiterfassung nutzt. Mit der cloud-basierten Software sorgt der Customer-Success-Manager für die richtige Nutzung des Produkts.

Für die bisherigen Anbieter von Bürosoftware stellt sich nun die Frage, ob man sein Produkt als Cloud-Lösung anbieten will? Erstens gibt es noch Skepsis bezüglich der Cloud und zweitens müsste eine Cloud-Lösung komplett neu programmiert werden, und dies häufig in einer neuen Programmiersprache. Daher wundert es nicht, dass die Anbieter bislang zurückhaltend bei diesem Schritt sind.

Fazit

Wenn man sich die hohe Qualität und weltweite Reputation von deutscher Architektur anschaut, ist dieses Missverhältnis zur existierenden Bürosoftware sehr bemerkenswert.

Ich habe 5 Gründe aufgeführt, warum der Markt sich so entwickelt hat. Wie sich projo in diesem Markt positionieren möchte, lasse ich absichtlich an dieser Stelle aus.

Ich würde mich freuen, wenn der ein oder andere seine Situation schildert, seine Erklärungen einbringt oder auf meine reagiert.

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